Der Tag, an dem ich aufgehört habe, das Logische zu tun

Und warum „Setz dir einen Zeitpunkt“ der bessere Rat ist als „Folge deinem Herzen“

Kennst du das: du machst das Nächstliegende, weil dir kein anderer Plan einfällt – und merkst erst später, wie unglücklich dich das eigentlich macht? Oder du fängst enthusiastisch eine Sache an und merkst im Tun, dass es dich überhaupt nicht erfüllt? Oder eine Entscheidung fühlt sich eine Zeit lang gut an, dann aber plötzlich nicht mehr.

So ging es mir mit meiner Ausbildung zur Industriekauffrau. Brav, logisch, vernünftig. Ich wusste damals nicht, was ich hätte studieren sollen, und noch weniger, wie ich mir ein Studium hätte finanzieren können. Also machte ich das Nächstliegende, eine Ausbildung. Kaufmännisch, denn da gibt es ja immer Stellen. (Das war übrigens Ende der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts – krass!)

Sehr schnell war ich unglücklich. Nicht dramatisch, nicht laut – aber die Inhalte und die Arbeit interessierten mich einfach viel zu wenig. Und für alle in meinem Umfeld war der nächste Schritt glasklar: Nach der Ausbildung folgt natürlich ein Studium, das darauf aufbaut. BWL. Oder VWL. Die logische Konsequenz.

Ich habe stattdessen Biologie studiert.

Kaum jemand konnte das nachvollziehen. Und es war nicht nur eine thematische Kehrtwende – meine ganzen Lebensumstände drehten sich um. Kein regelmäßiges Geld mehr. Keine Sicherheit. Keine Aussicht auf einen der Jobs, auf die meine Ausbildung eigentlich hinauslief. Und das als alleinerziehende Mama. 😳

Kein einzelner Moment, sondern ein Prozess

Ehrlich gesagt: den einen Moment, an dem es „klick“ gemacht hat, gab es nicht. Es war ein Prozess. Biologie war mein Leistungskurs im Gymnasium gewesen. Ich habe mich schon immer mit der Natur verbunden gefühlt, mich viel mit Pflanzen beschäftigt. Und da war dieses Bedürfnis, wissen zu wollen, wie das Leben eigentlich funktioniert.

Aber ein Gedanke hat sicher mit hineingespielt: die Ahnung, dass ein Job in Richtung BWL oder VWL mich noch unglücklicher machen würde, als ich es ohnehin schon war.

Ich hab’s später oft so beschrieben: Es war eine Herzensentscheidung. Im Gegensatz zur Kopfentscheidung davor.

Warum „Folge deinem Herzen“ allein nicht reicht

Diese Formulierung – Herzensentscheidung – höre ich heute überall, in Ratgebern, auf Social Media, von Coaches. „Folge einfach deinem Herzen, dann wird alles toll.“ Ich verstehe, warum das so oft gesagt wird. Es klingt gut, es macht Mut, und es trägt so eine Aufbruchenergie in sich.

Aber es stimmt so nicht. Nicht alles wird toll. Und genau das wird bei dieser Art zu reden gern unterschlagen.

Ein neuer Anfang hat seinen Preis. Bei mir war das die finanzielle Unsicherheit, das Unverständnis aus dem Umfeld, die vielen Momente, in denen ich nicht wusste, ob ich richtig entschieden hatte. Hindernisse, Frust, Enttäuschungen gehören dazu. Wer das ausblendet, wird davon überrascht, wenn sie kommen – und das soll dich nicht von deinem neuen Anfang abhalten. Aber mach dir klar, dass dieser Preis existiert, bevor du ihn zahlst. Nicht erst, wenn du schon mittendrin steckst.

Dazu gehört auch: Niemand von uns lebt im luftleeren Raum. Ein neuer Anfang ist nie nur eine Entscheidung mit dir selbst – er hat Auswirkungen auf die Menschen um dich herum, auf Erwartungen, auf Beziehungen. Bei mir war es das Umfeld, das meine Entscheidung nicht nachvollziehen konnte. Diesen Teil einfach auszublenden, weil er unbequem ist, macht den „Folge deinem Herzen“-Rat nur noch unehrlicher.

Was ich stattdessen gelernt habe

Ein schwieriger Weg wird leichter, wenn er wirklich der eigene ist – wenn er dem entspricht, was dir entspricht. Klingt banal, ich weiß. Aber es hat sich bei mir immer wieder bestätigt: Ein neuer Anfang kann Energie geben, die vorher einfach nicht da war. Und irgendwann fängt es an zu wachsen, was vorher nur brachlag – Möglichkeiten, die du auf dem alten Weg gar nicht gesehen hättest, weil du gar nicht in ihre Richtung geschaut hast.

Deshalb würde ich dir, wenn du gerade in einer ähnlichen Situation steckst wie ich damals – im logischen, aber unglücklichen Job oder Weg, mit Erwartungsdruck vom Umfeld – nicht einfach nur raten, deinem Herzen zu folgen. Ich würde eher sagen: Wäge alles ab, ehrlich, mit allen Für und Wider. Und wenn du dann merkst, dass du eigentlich weißt, wohin es gehen soll, aber immer wieder zögerst – dann kann es helfen, dir einen Zeitpunkt zu setzen, bis zu dem du eine Entscheidung getroffen haben wirst. Nicht „irgendwann“, sondern klar definiert. Das muss keine radikale Deadline sein. Manchmal reicht es schon, dem Zögern einen Rahmen zu geben, statt ihm endlos Raum zu lassen. Du weißt ja: keine Entscheidung ist auch eine Entscheidung 😉

Wann warst du das letzte Mal an so einem Punkt – wo dir längst klar war, wohin es gehen soll, du dir aber keinen Zeitpunkt für eine klare Entscheidung gesetzt hattest? Und wie hast du letztlich entschieden? Kopf oder Herz? 💚

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